Geopolitik

USA-IRAN - Der Tag danach

Die Waffenruhe zwischen den USA und Iran scheint zu halten. Durchatmen also – aber nur vorerst: Wie gross war der Druck auf Trump, welche Rolle spielt Israel, und was braucht es, damit aus dem Waffenstillstand Frieden wird?

Illustration: Zwei Männer blicken sich über eine US- und eine Iranflagge hinweg an; dazwischen fliegt eine weiße Taube mit einem Zweig im Schnabel. Im Hintergrund sind Raketen, Flugzeuge, ein Atomsymbol und eine Ölpumpe zu sehen.
Symbolbild erstellt mit KI-Werkzeug

Eine Einordnung

Die gute Nachricht zuerst: Nach einigen Wacklern scheint die Waffenruhe tatsächlich zunächst einmal in Kraft zu sein.

Die nicht so gute: Das bedeutet nicht, dass die Nummer vorbei ist.

Der Waffenstillstand ist fragil und ein Frieden setzt einen Vertrag voraus, der ausgearbeitet werden und unterzeichnet werden muss.

Also: Durchatmen nur vorerst.

Wie sind wir eigentlich hier gelandet?

Zur Erinnerung

Gestern Nacht ist ein Ultimatum der USA abgelaufen, das zwei Dinge bedeutet hätte

1) Der Iran hätte wesentliche Teile seiner Infrastruktur verloren

2) Die Infrastruktur Israels und der Golfstaaten wäre innerhalb der darauffolgenden Tage in Schutt und Asche gelegt worden, insbesondere die Öl-Infrastruktur und sehr wahrscheinlich auch die Entsalzungsanlagen für die Wasserversorgung.

Beides hätte eine humanitäre Katastrophe epischen Ausmasses, eine weitere Völkerwanderung und einen enormen Schaden für die Weltwirtschaft bedeutet.

Alles nur Panikmache?

Nun gibt es bei den Reaktionen einige, die den Ernst der Lage offenbar nicht verstanden haben und unterschätzen, wie knapp das eigentlich war.

Und wie historisch die Kehrtwende einzuordnen ist.

Zu Ende gedacht sind wir im Vergleich tatsächlich nicht sehr weit vom Ende der Kuba-Krise entfernt, sofern das jetzt alles eine gute Richtung nimmt.

Tatsächlich wissen wir, dass die Bomber der USA schon in der Luft waren und erst spät zurückgerufen worden sind.

Es flogen auch seitens des Iran noch ein paar Raketen, die Teil der vorbereiteten Antwort waren, obwohl es bereits eine offizielle Erklärung des Iran zur Bereitschaft zu einem Waffenstillstand gibt.

Aber spätestens nach dem Bombardement der zivilen Infrastruktur und der Gegenreaktion ist praktisch ausgeschlossen, dass sich hier nicht andere Mächte zu einer Reaktion gezwungen gesehen hätten, allen voran natürlich China und Russland. Dies insbesondere dann, wenn - was ja Teil der internationalen Spekulationen war - das Mittel für die "Auslöschung der Zivilisation" womöglich nuklear gewesen wäre.

Kurios

Obwohl Israel bezogen auf die Angriffe, die den Krieg eingeleitet haben, klar der Auslöser war, so scheint sich zu verdichten, dass sie bei den Verhandlungen weder involviert noch ein Mitspracherecht hatten. Im Gegenteil - sie wurden vom Ergebnis ganz offensichtlich überrascht. Deshalb gibt es auch ein paar Stunden nach der Veröffentlichung noch gar keine ganz einheitliche Reaktion des Landes - geschweige denn eine Zustimmung für die vereinbarten Inhalte.

Die grossen Unbekannten

Was uns zu dem Grund führt, wieso das alles sehr fragil bleibt.

Israel ist in der Vergangenheit bereits mehrere Waffenstillstandsvereinbarungen mit anderen Ländern eingegangen, hat sich selbst aber nie daran gehalten. Und so liest man ja auch schon, dass sie sich an den "gilt-auch-für-die-Verbündeten"-Teil nicht halten wollen und den Libanon weiter beharken, was faktisch bereits geschehen ist.

Ein Frieden jetzt - und zu den Konditionen, die sich anbahnen - ist ausdrücklich nicht im Interesse der israelischen Regierung und über deren Einfluss in die US-Politik auch dort natürlich nicht.

Das kann bedeuten - auch hier nehmen wir wieder die Vergangenheit als Massstab - dass Israel durch weitere Angriffe provoziert oder - auch das ist ein typisches Mittel - eine waschechte False-Flag-Operation die Entwicklung wieder auf den von Israel gewünschten Kurs zurücklenkt. Momentan allerdings dürften sie damit keine allzu grosse Eile haben, denn auf der einen Seite waren die Vorräte der Abwehrraketen quasi komplett ausgeschöpft und müssen ergänzt werden und auf der anderen Seite haben sie im Verhandlungsteam in Islamabad ja zwei zuverlässige Partner aufseiten der USA sitzen, die das Geschehen auch während des Prozesses in ihrem Sinn beeinflussen können.

Der eigentliche Druck auf Trump

Es gibt Stimmen, die Trump vorhalten, er sei eingeknickt. Und ganz von der Hand zu weisen ist das nicht. Abgesehen von den wirklich verheerenden Folgen für die Weltwirtschaft, hätte er durchgezogen, wirkten erhebliche Interessen auf ihn ein - insbesondere die der Golfstaaten, aber auch die des Geldadels., hatte die Blockade von Hormus bereits zum gestrigen Zeitpunkt einen kritischen Punkt überschritten, von dem wir heute noch nicht einschätzen können, wie stark die Schäden sein werden. Und bezogen auf die Öffnung der Strasse blieb der Iran bis zur letzten Sekunde standhaft. Gleichzeitig hatten sich mehrere sehr einflussreiche Polit-Influencer lautstark von Trump abgewendet und einige Senatsabgeordnete ein Amtsenthebungsverfahren - wenn nicht schon gestartet - so doch deutlich angekündigt. Und beim näheren Hinsehen wäre sogar eine Mehrheit dafür denkbar gewesen. Trump war enorm unter Druck. Von allen Seiten.

Gesichtswahrung

Zum aktuellen Stand erklären sich - ausser Israel - alle Beteiligten als Gewinner. Die Golfstaaten rühmen sich für die erfolgreiche Abwehr der Aggression (was die Wahrheit reichlich zurechtgebogen ist), die USA erklären die militärischen Ziele für sowieso schon lange erreicht und der Iran erklärt stolz, dass sie standhaft den Gegner abgewehrt haben. Win-Win für alle, alle können ihr Gesicht wahren und so wird das jetzt auch kommuniziert.

Der 10-Punkte-Plan umgesetzt

Würde der Plan des Irans ganz oder teilweise umgesetzt werden, kann man es nicht anders sagen: Der Iran hat gewonnen.

Die Aufhebung der Sanktionen, die Rückgabe der eingefrorenen Gelder und die Möglichkeit, die Kriegsschäden über die Bezollung der Schiffe bei Hormus zu begleichen, würden das Land in wenigen Monaten zu einem echten Big-Player in der Region avancieren lassen. Just genau das, was Israel eigentlich für sich beansprucht hat und mit der Zerstörung des Irans verhindern wollte. Und voraussichtlich auch weiter zu verhindern suchen wird.

Kann man sagen, die USA haben verloren?

Die Einschätzung betrachte ich als legitim. Keines der vorgeschobenen und erklärten Ziele wurde tatsächlich erreicht.

Es gab keinen echten Regimechange - im Gegenteil. Die politischen Morde der Führungskräfte und der Verhandlungspartner haben vielmehr Hardliner ins Zentrum gerückt und ohne jede Frage einen erheblichen Anteil der Bevölkerung hinter die Führung vereint.

Die Öffnung der Strasse von Hormus als Sieg zu verkaufen, ist ein müder Witz - sie wurde geschlossen WEGEN der Angriffe.

Das ist allenfalls back to square one.

Die tatsächlichen Sieger in den USA sind die Rüstungsindustrie, die nun erschöpfte Vorräte gegen eine unglaubliche Menge Steuergeld wieder auffüllen darf und die aufgrund einiger schmerzhafter Niederlagen Entwicklungsaufträge für neue Waffen und Gegenmassnahmen bekommen werden. Und die Insider, die an den Börsen regelmässig besonders erfolgreich durch ihre Wetten aufgefallen sind.

Das zivile Atomprogramm bleibt wohl weiter bestehen, der Iran hatte keine Atombombe und auch keine angestrebt, auch hier ändert sich - nichts. Im Gegenteil: Der Iran hatte kurz vor dem Krieg die komplette Aufgabe des Atomprogramms zugesagt. Das ist jetzt vom Tisch. Und - nebenbei bemerkt - auch ihr gutes Recht, ein solches zu betreiben. Hier ist eher zu befürchten, dass GERADE die Erfahrungen der letzten 40 Tage ein Bedürfnis zu einer atomaren Abschreckung erst wirklich vorangetrieben haben, aber das gilt ja nicht nur für den Iran, sondern für alle Staaten, die aufmerksam zugeschaut haben, was da passiert ist.

Oh - und was ist mit der Freiheit im Iran, insbesondere die der Frauen? Dieses Argument, dass sich ja schon während des Krieges in sich selbst zerlegt hat, bleibt aber sicher Thema. Persönlich bin ich der Auffassung, dass wir alle bezogen auf den aktuellen IST-Zustand einiges zu lernen haben und noch in alten Bildern verhaftet sind, die so nicht mehr stimmen. Und - auch das tatsächlich - einigen Propaganda-Stunts der Vergangenheit aufgesessen sind, die uns den Blick verstellen. Der Iran ist - übrigens auch erst durch Fummeleien von aussen - aktuell eine islamische Republik und ein souveräner Staat, der allerdings schon eine Weile in Transformation befand. Die Prozesse gehen langsam voran und zeigen sich aber schon sehr viel länger im Stadtbild. Vor allem aber wird in der Gesamtbetrachtung immer vergessen, dass die Sanktionen ihren eigenen Einfluss auf das Geschehen hatten. Und die Manipulationen, die US-Finanzminister Bessent ja freimütig zugegeben hat, die zu den Protesten Anfang Januar geführt haben, ebenfalls.

Ich glaube tatsächlich an die innere Kraft des Volkes, sich hier weiterzuentwickeln, und empfände es als ein wünschenswertes, sehr starkes Signal nach aussen, wenn in einem der ersten nötigen Schritte die Todesstrafe ad acta gelegt wird. Was man übrigens Israel an dieser Stelle ebenfalls wünschen könnte.

Das alles ist zwecklos, wenn...

Nehmen wir an, der fragile Waffenstillstand wird - wieso auch immer - gebrochen und wir erleben eine Neuauflage der Kampfhandlungen, so beginnen die mit grosser Gewissheit auf der letzten Eskalationsstufe. Mit allen Folgen, die das dann hat.

Zum Schluss ein Gedankenspiel

Es mag sich weit hergeholt anhören, aber es ist einen Gedanken wert: Sollte sich Israel nicht an die Vereinbarungen halten - was wäre eigentlich, wenn die USA die Unterstützung aufgeben und auch die Finanzspritzen und die Waffenlieferungen? Richtig. Dann müssten sie sich an den Tisch setzen und verhandeln. Es wäre eine Option - und auf alle Fälle besser als Samson.

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Ich habe in den vergangenen Tagen und Wochen erlebt, dass dieses Thema eines dieser besonders heftigen Triggerthemen ist.

Im Gegensatz zu einigen halte ich aber die Diskussion darüber für mehr als wichtig. Ich würde aber gerne alle bitten, diese sachlich zu halten und so schwer es manchmal fällt, die Emotionen hinten anzustellen. Bleibt einfach fair. Bitte.

Auch wichtig: Das ist meine persönliche Einschätzung, entstanden aus wochenlangen Recherchen und sehr enger Begleitung beider Seiten des Konfliktes und deren Sichtweisen. Ich bin recht überzeugt, dass ich vieles davon richtig sehe, es ist mir aber bewusst, dass das eine oder andere unscharf beschrieben ist.

Deswegen gilt hier wie auch immer sonst:

Macht Euch Euer eigenes Bild, seht es als Startpunkt für eigene Recherchen und sprecht auch mit allen Seiten.

Vor allem aber seid selbst vor allem dort bereit, Eure eigenen Sichtweisen zu hinterfragen, wo die grössten Abweichungen zu Eurer eigenen Weltanschauung sind. Das ist, wie wir vorankommen.

Alles andere ist Stillstand.

Bis später.

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