MAHA: Grosse Hoffnungen. Und eine Pestizidpolitik, die in die andere Richtung geht.
MAHA weckte Hoffnungen auf einen anderen Umgang mit Pestiziden. Doch bei Glyphosat und Dicamba zeigt die Regierungspolitik in eine andere Richtung. Ich habe die Versprechen mit den Entscheidungen abgeglichen – und mir angesehen, welche Rolle Robert F. Kennedy Jr. dabei spielt.

MAHA steht für «Make America Healthy Again» – Amerika wieder gesund machen. Mit Robert F. Kennedy Jr. als US-Gesundheitsminister verbanden viele Menschen die Hoffnung, dass dieser Anspruch tatsächlich Konsequenzen haben würde.
Weniger problematische Stoffe in Lebensmitteln, weniger Einfluss der Industrie, mehr Aufmerksamkeit für die Ursachen chronischer Erkrankungen. Kennedy hatte als Umweltanwalt selbst gegen Monsanto gekämpft. Dass ausgerechnet er nun politische Verantwortung übernahm, liess aufhorchen.
Doch gerade bei den Pestiziden fällt die Bilanz ernüchternd aus. Kennedys frühere Forderungen prägen die Regierungspolitik offenbar weit weniger, als seine Unterstützer erwartet hatten. An entscheidenden Stellen setzt sich eine andere Priorität durch: die Absicherung einer Landwirtschaft, die auf diese Mittel angewiesen ist. Und Kennedy trägt diesen Kurs inzwischen öffentlich mit.
Eine Webseite macht diesen Widerspruch sichtbar: die MAHA Promises Scorecard. Sie stellt politischen Versprechen konkrete Entscheidungen gegenüber und verlinkt die jeweiligen Quellen. Die derzeit angezeigte Bilanz der 42 bewerteten Zusagen: keine vollständig erfüllt, fünf teilweise erfüllt, 37 gebrochen. Das ist die Bewertung der Betreiberin, kein amtlicher Prüfbericht.
Hinter dem Projekt steht Tiffany Cianci, die sich als unabhängige Journalistin und MAHA-Unterstützerin beschreibt. Die Kritik kommt damit aus einem Umfeld, das mit der Bewegung selbst Hoffnungen verbunden hat. Gerade das macht die Seite interessant: Wer etwas verspricht, soll sich später auch daran messen lassen.
Besonders aufschlussreich ist der Pestizidteil. Um ihn zu verstehen, muss man allerdings wissen, wer in Washington überhaupt entscheidet.
Die EPA, die amerikanische Umweltschutzbehörde, hat eine Schlüsselrolle: Sie reguliert Pestizide und legt fest, welche Rückstandsmengen auf oder in Lebensmitteln zulässig sind. Die FDA, die Lebensmittel- und Arzneimittelbehörde, kontrolliert diese Vorgaben bei einem grossen Teil der Lebensmittel. Das USDA, das Landwirtschaftsministerium, übernimmt diese Aufgabe unter anderem bei Fleisch, Geflügel und bestimmten Eiprodukten.
Die EPA steht dabei nicht hierarchisch über FDA und USDA. Ihre Entscheidungen geben bei Pestizidrückständen aber den Rahmen vor, dessen Einhaltung die anderen kontrollieren. Die FDA gehört zu Kennedys Gesundheitsministerium. EPA und USDA gehören nicht zu seinem Ressort. Ein Gesundheitsminister kann deshalb einen Kurswechsel versprechen, ohne die entscheidenden Hebel der Pestizidpolitik selbst in der Hand zu haben.
Wie deutlich die tatsächliche Politik von den Erwartungen abweicht, zeigt Glyphosat.
Am 18. Februar 2026 unterzeichnete Donald Trump eine Anordnung, die eine ausreichende Versorgung mit elementarem Phosphor und glyphosatbasierten Herbiziden sichern soll. Grundlage ist der Defense Production Act, ein Gesetz zur Sicherung verteidigungswichtiger Produktion. Glyphosat wird damit ausdrücklich als Frage der nationalen Versorgung und Sicherheit behandelt. Das Landwirtschaftsministerium erhält entsprechende Befugnisse.
Bemerkenswert ist eine weitere Vorgabe: Die Umsetzung soll die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit der inländischen Hersteller nicht gefährden. Ausserdem verweist die Anordnung ausdrücklich auf den gesetzlichen Haftungsschutz bei ihrer Befolgung. Daraus lässt sich keine pauschale Befreiung von sämtlichen bestehenden Schadenersatzansprüchen ableiten. Die politische Richtung ist trotzdem deutlich: Der Staat sichert die Produktion ab.
Und Kennedy? Er verteidigte den Schritt mit nationaler Sicherheit und landwirtschaftlicher Stabilität. Genau deshalb reicht die Erklärung nicht aus, er werde einfach von anderen ausgebremst. Das mag einen Teil des politischen Kräfteverhältnisses beschreiben. Öffentlich unterstützt er inzwischen jedoch eine Entscheidung, die viele seiner eigenen Anhänger als Bruch mit dem ursprünglichen Versprechen verstehen.
Auch bei Dicamba lohnt sich ein genauer Blick auf die EPA.
Am 6. Februar 2026 genehmigte die Behörde erneut bestimmte Anwendungen über bereits wachsenden, dicambatoleranten Baumwoll- und Sojapflanzen – befristet auf zwei Anbausaisons. Sie begründet das mit den Bedürfnissen der Landwirtschaft und verweist auf verschärfte Schutzvorgaben, darunter geringere jährliche Höchstmengen und temperaturabhängige Einschränkungen. Zugleich räumt sie ausdrücklich ein, dass Abdrift und Verdunstung benachbarte Felder und Ökosysteme schädigen können.
Die EPA bewertet diese Risiken unter den neuen Auflagen als vertretbar. Wer von MAHA einen grundlegenden Ausstieg aus solchen Anwendungen erwartet hatte, bekommt damit eine andere Antwort: weitere Zulassung unter zusätzlichen Bedingungen. Das ist eine politische Entscheidung, an der sich das Gesundheitsversprechen messen lassen muss.
Beim USDA führt die Scorecard zudem den Abbau von Dokumentationsvorschriften für Pestizide mit eingeschränkter Anwendung an. Tatsächlich hob das Ministerium eine entsprechende Bundesverordnung mit Wirkung zum 11. Juli 2025 auf. Seine Begründung: Das zugrunde liegende Bundesprogramm sei bereits 2012 geschlossen worden, Teile der Aufgaben würden inzwischen anderweitig wahrgenommen.
Hier ist Genauigkeit wichtig. Daraus folgt nicht, dass überall in den USA jede Aufzeichnungspflicht verschwunden wäre. Einzelstaatliche Vorgaben und andere Verpflichtungen bestehen weiter. Die Entscheidung zeigt aber eine klare Priorität: Das USDA erklärt in seiner eigenen Begründung, im Zweifelsfall zugunsten der Deregulierung entscheiden zu wollen.
Wer nach den Interessen hinter dieser Politik fragt, muss nicht bei Vermutungen stehen bleiben. Die Rechercheorganisation U.S. Right to Know dokumentiert personelle Verbindungen zwischen Regierungsvertretern und dem Lobby- beziehungsweise Kanzleinetzwerk von Bayer. Ihre aktualisierte Untersuchung nennt 26 entsprechende Personen. Dabei handelt es sich um unterschiedliche berufliche Verbindungen, nicht automatisch um den Nachweis, dass jemand im Auftrag des Konzerns entscheidet. Sie zeigen aber, wie gut die Industrie in den Strukturen vertreten ist, die über ihre Produkte befinden.
Mein Eindruck aus diesen Entscheidungen: Kennedys angekündigter Kurswechsel wird bei Pestiziden von anderen Prioritäten überlagert. Versorgungssicherheit, wirtschaftliche Interessen und die Fortführung bestehender Anbaumethoden wiegen politisch schwerer als die Erwartungen vieler MAHA-Unterstützer. Kennedy muss sich dabei auch an den Entscheidungen messen lassen, die er selbst verteidigt.
Die MAHA Scorecard ist deshalb einen Besuch wert. Ihre Bewertungen darf man hinterfragen, ihre Quellen sollte man anklicken. Gerade der Abgleich mit den Originaldokumenten macht sichtbar, was aus grossen Ankündigungen im Regierungsalltag wird.
Denn am Ende entscheidet sich ein Gesundheitsversprechen auch daran, welche Stoffe zugelassen werden, welche Belastungen man akzeptiert – und wessen Interessen im Konfliktfall Vorrang bekommen.
Weiterführende Links
Sorgfältige Auflistung der gebrochenen MAHA-Versprechen bisher (englisch):
https://www.mahascorecard.com/
Bis später.
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