FLOCK-KAMERAS:
In den USA erfassen Flock-Kameras Kennzeichen, Zeit und Ort. Als ein Journalist die Installation einer solchen Kamera filmt, rückt die Polizei an. Was nach einer amerikanischen Absurdität klingt, führt zu einer Frage, die auch uns betrifft: Wie weit lassen wir die Kennzeichenerfassung gehen?

FLOCK-KAMERAS:
Wenn der Überwacher selbst nicht gefilmt werden will...
In den USA stehen inzwischen weit über 100'000 Kameras eines Systems namens Flock Safety.
ALPR nennt sich das Ganze: „Automated License Plate Recognition“ – automatische Kennzeichenerfassung.
Die Kameras stehen an Strassen, Kreuzungen und Einfahrten, erfassen vorbeifahrende Fahrzeuge, Kennzeichen, Fahrzeugmerkmale, Zeit und Ort. Der offizielle Zweck: gestohlene Fahrzeuge finden, Tatverdächtige aufspüren, vermisste Personen suchen und Ermittlungen unterstützen.
Flock selbst weist den Vorwurf zurück, damit ein System zur Massenüberwachung zu betreiben. Nach Angaben des Unternehmens sollen Zugriffe an konkrete Ermittlungen gebunden, protokolliert und die Daten in vielen Fällen nach sieben Tagen gelöscht werden.
Das Problem ist nur:
Wenn zehntausende dieser Kameras miteinander vernetzt sind, entsteht daraus etwas, das weit über eine einzelne Kamera an einer Kreuzung hinausgeht.
Und inzwischen gibt es genügend Beispiele dafür, was passieren kann, wenn Technik, menschliche Fehler und ein derartiges Überwachungssystem aufeinandertreffen.
Da wäre etwa Lindsey Isaacs aus Florida. Ermittler suchten nach einem Fahrzeug im Zusammenhang mit einem Unfall, bei dem drei Menschen ums Leben kamen. Flock-Daten führten sie zu ihrem Wagen. Sie wurde festgenommen und verbrachte 13 Tage im Gefängnis. Später stellte sich heraus: Ihr Fahrzeug passte nicht zu den Unfallspuren. Eine andere Fahrerin wurde ermittelt.
Oder Steven Melvin in South Carolina. Eine automatische Kennzeichenerkennung hatte sein Kennzeichen falsch gelesen. Die Folge: Polizeibeamte hielten ihn mit gezogener Waffe an.
In Arkansas traf es eine Familie mit Kindern und einem erst wenige Wochen alten Baby. Auch dort wurde ein Kennzeichen falsch gelesen. Die Erwachsenen wurden mit Waffen aus dem Fahrzeug geholt und in Handschellen gelegt.
Und dann gibt es noch die Fälle, bei denen das System gar keinen Fehler macht.
Sondern der Mensch davor.
In Texas soll beispielsweise ein Polizist das Kennzeichen seiner Ex-Freundin mehr als 10'000 Mal im Flock-System abgefragt haben.
Genau deshalb geht es bei dieser Diskussion nicht nur darum, ob eine Kamera ein Kennzeichen korrekt erkennt.
Es geht auch um eine wesentlich grössere Frage:
Was entsteht, wenn man die Bewegungen von Millionen völlig unverdächtigen Menschen vorsorglich erfasst, speichert und später durchsuchbar macht?
Und jetzt kommt der bittersüss ironische Teil der Geschichte:
Ein Investigativjournalist beobachtete kürzlich einen Flock-Mitarbeiter dabei, wie dieser eine solche Kamera installierte.
Der Journalist stand im öffentlichen Raum. Sein Fahrzeug war als Pressefahrzeug erkennbar, er zog eine Warnweste an und begann, die Installation zu dokumentieren.
Der Flock-Mitarbeiter fühlte sich dadurch offenbar verfolgt und rief 911. Im Notruf erklärte er, er werde verfolgt, belästigt, fotografiert und gefilmt.
Drei Polizeifahrzeuge hielten daraufhin den Journalisten an.
Später erklärte ein Polizist ihm, der Flock-Mitarbeiter mache sich Sorgen, im Fernsehen zu erscheinen und möglicherweise selbst oder mit seiner Familie zum Ziel zu werden.
Worauf der Journalist sinngemäss die naheliegende Frage stellte:
Hat er im öffentlichen Raum nicht genauso wenig Anspruch darauf, nicht fotografiert zu werden, wie all die Menschen, die von seinen Kameras fotografiert werden?
Der Journalist brachte die Absurdität später selbst ziemlich treffend auf den Punkt: Flock installiert Kameras, die unsere Bewegungen erfassen – aber wenn jemand öffentlich dokumentiert, wie eine solche Kamera aufgebaut wird, fühlt sich plötzlich derjenige verfolgt, der sie installiert.
Man könnte es auch kürzer sagen:
Überwachung scheint sich wesentlich angenehmer anzufühlen, solange die Kamera in die andere Richtung zeigt.
Und während man darüber lacht, bleibt eine Frage übrig, die ich wesentlich weniger lustig finde:
Wann kommt so etwas zu uns?
Denn automatische Kennzeichenerfassung gibt es in Deutschland bereits heute. Die Strafprozessordnung erlaubt sie unter bestimmten Voraussetzungen – örtlich begrenzt, vorübergehend und ausdrücklich nicht flächendeckend. Auch einzelne Landespolizeigesetze kennen automatisierte Kennzeichenlesesysteme.
Noch ist das etwas anderes als das dicht vernetzte amerikanische Flock-Modell.
Die Frage ist also vielleicht gar nicht, ob die Technik nach Europa kommt.
Sie ist längst hier.
Die interessantere Frage ist:
Wie weit lassen wir das hier ausufern, bevor wir - wie in den USA jetzt doch immer stärker - eine Eindämmung fordern?
Wie stark werden diese Systeme irgendwann miteinander vernetzt – und wann merken wir eigentlich, dass aus einzelnen Kameras ein Bewegungsprofil geworden ist?
Wer einmal sehen möchte, wie dicht dieses Netz in Teilen der USA inzwischen geworden ist:
deflock.org
maps.deflock.org
DeFlock ist ein unabhängiges, gemeinschaftlich gepflegtes Projekt, das Standorte solcher ALPR-Kameras auf einer Karte dokumentiert.
https://maps.deflock.org/?lat=39.8283&lng=-98.5795&zoom=4.00
Bis später.
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